Die Vorlesung beschäftigte sich mit den wichtigsten Gütern des Massenkonsums der 50er und 60er Jahre, nämlich (privaten) PKW auf der einen und elektrischen Haushaltsgeräten (v.a. Waschmaschinen, Kühlschränke, Fernseher) auf der anderen Seite. Nach der Befriedigung der unmittelbaren Grundbedürfnisse in der Nachkriegszeit und in den frühen 50er Jahren richteten sich die Begehrlichkeiten der westeuropäischen Konsumenten vor allem auf diese relativ teuren und langlebigen Güter. Gleichzeitig gingen von dieser Nachfrage erhebliche wirtschaftliche Wachstumsimpulse aus.
Betrachten wir zunächst die Entwicklung im Bereich der PKW. Von den westeuropäischen Ländern hatten vor allem Großbritannien und Frankreich vor dem Krieg bereits nennenswerten PKW-Besitz aufzuweisen. In Deutschland war das Auto vor 1914 ein Spielzeug der Reichen gewesen. In der Zwischenkreigszeit verbreitete es sich vor allem als Firmenfahrzeug, aber noch kaum als privates Verkehrsmittel. Zwischen 1939 und 1950 stagnierte der PKW-Besitz in Westeuropa bzw. ging sogar zurück. Ein starkes Wachstum setzte dann nach 1950 ein, wobei die Länder stärkere Wachstumsraten verzeichneten, die von einer geringeren Basis ausgingen, wie die BR Deutschland und Italien. Der PKW-Besitz wurde mehr oder weniger allgemein. jedoch unterschieden sich die Autos sowohl von Land zu Land wie nach sozialer Schicht. Anstelle der Unterscheidung Autobesitzer / Nicht-Autobesitzer wurde nun wichtig, welches Auto man fuhr.
In den meisten Ländern dominierten Kleinwagen wie der Fiat 500 in Italien, der 2CV und Renault 4 in Frankreich oder der (etwas größere) Volkswagen in Deutschland. Letzterer wurde im Lauf der 50er Jahre sogar zum Symbol des "Wirtschaftswunders". Der private PKW verdrängte zunehmend die Eisenbahn als Verkehrsmittel. Flugreisen wurden erst später für die breite Bevölkerung erschwinglich (siehe Abbildung für Deutschland). Damit lässt sich das Auto als Mittel der Privatisierung der Mobilität begreifen.
Die Verbreitung der neuen Haushaltsgeräte hing von verschiedenen Voraussetzungen ab, unter anderem der flächendeckenden Elektrifizierung. Für eine Waschmaschine benötigte man in den 50ern noch einen Starkstrom-Anschluss. Die Begehrlichkeiten der meisten Deutschen richteten sich vor allem auf den Kühlschrank, was zum einen auf die Entbehrungserfahrungen der Nachkriegszeit, vor allem aber wohl auf das Angebot an relativ preiswerten Tischkühlschränken zurückgeführt werden kann. Dagegen verbreiteten sich Fernseher in Großbritannien besonders schnell, was wohl mit der Zulassung von Privatfernsehen (ITV) bereits 1955 zusammen hängen dürfte.
Die Kontrolle über die Inhalte des Fernsehens variierte von Land zu Land. Privatfernsehen war zunächst in Europa die Ausnahme. In Deutschland wurde der öffentlich-rechtliche Rundfunk institutionalisiert, der eine Balance aus gesellschaftlicher und politischer Kontrolle einerseits und Freiheit der Redaktionen andererseits gewährleisten sollte. Ausgesprochener Staatsrundfunk dominierte dagegen in Frankreich und de facto auch in Italien. Die Auswirkungen des Fernsehkonsums sind schwer abzuschätzen. Bekannt ist lediglich, dass die Versuche der Sender scheiterten, ihr Publikum zu erziehen. Überall waren Unterhaltungsprogramme wie Spielshows oder Serienkrimis die beliebtesten Fernsehformate (in Italien sogar das Werbefernsehen). Kulturell gesehen trug das Fernsehen, jedenfalls in den großen Ländern, zur Homogenisierung bei, da eine nationale Sehgemeinschaft gebildet wurde.
Die Auswirkungen der Haushaltstechnisierung auf die Hausarbeit sollte man zunächst nicht überschätzen. Zeitbudget-Untersuchungen zeigen, dass der Zeitaufwand für Hausarbeit bis in die 60er Jahre nicht zurück ging. Erst danach sank er deutlich. Allerdings blieb die Hausarbeit fast überall überwiegend Frauensache, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Mehrere Gründe waren ausschlaggebend für die zunächst geringen Zeitgewinne: Viele Waschmaschinen waren keine Vollautomaten, so dass aufwendige Nebenarbeiten zu verrichten blieben. Gleichzeitig stieg der Anspruch an die Sauberkeit der Kleidung sowie im Haushalt generell.
Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die Verbreitung der genannten Güter bedeutsame Veränderungen in den Bereichen Mobilität, Freizeitgestaltung und Hausarbeit mit sich brachte. Allerdings wurden nationale, soziale und geschlechtsspezifische Unterschiede dadurch keineswegs eingeebnet, sondern existierten in z.T. veränderter Form weiter.
Mittwoch, 30. April 2014
Mittwoch, 16. April 2014
Vorlesung Zeitalter des Massenkonsums: Wirtschaftliche Entwicklung
In dieser Vorlesung ging es um den Wirtschaftsboom der 1950er und 60er Jahre in Westeuropa. Wie die folgende Graphik verdeutlicht, war es eine Zeit außerordentlich hoher Wachstumsraten (in BIP/Kopf) im Vergleich zu den vorherigen oder nachfolgenden Perioden.
Der Boom, in Deutschland immer noch häufig als "Wirtschaftswunder" bezeichnet, war also kein deutsches, sondern ein (mit wenigen Ausnahmen) westeuropäisches Phänomen, in gewisser Weise sogar ein globales. Das folgende Diagramm zeigt, dass auch die Wirtschaft anderer Weltregionen in dieser Zeit wuchs, wenn auch nicht unbedingt mit derselben Geschwindigkeit. Es zeigt auch, dass Westeuropa (gemessen am BIP/Kopf) noch deutlich hinter den USA zurück lag.
Weiter ist nach einzelnen Ländern zu differenzieren. Das folgende Diagramm zeigt, dass das Wachstum der bundesdeutschen Wirtschaft zwar auch im europäischen Vergleich gut abschnitt, aber nicht aus dem Rahmen fiel. Stark war das Wachstum daneben auch in Italien und (in den 60er Jahren) Spanien. Frankreich nahm eine mittlere Stellung ein, während das Wachstum in Großbritannien deutlich schwächer ausfiel. Unter den großen Ländern Westeuropas ist aber eher Großbritannien und der relative Niedergang seiner Wirtschaft die Ausnahme als Westdeutschland.
Schließlich wurden die Ursachen für das starke Wachstum diskutiert. Folgende fünf Einflussfaktoren, die sich nicht unbedingt ausschließen, wurden genannt:
1. Rekonstruktion
2. Struktureller Wandel
3. Diffusion von Innovationen
4. Marshall-Plan und öffentliche Investitionen
5. Inner-europäischer Handel
Unter Wirtschaftshistorikern herrscht nach wie vor Uneinigkeit über die Gewichtung der einzelnen Faktoren. Auf diese Forschungskontroverse näher einzugehen, ist hier aus Platzgründen nicht möglich. Zu den genannten fünf Faktoren gibt es in der Literatur noch weitere, die aber nicht so wichtig sind, da sie als widerlegt gelten können (z. B. die Theorie der "langen Wellen" oder die v.a. für Deutschland vorgetragene Strukturbruch-Hypothese).
Zu den einzelnen Faktoren: Rekonstruktionseffekte dürften vor allem in den 50er Jahren in stark zerstörten Ländern wie Deutschland eine gewisse Rolle gespielt haben, können aber das anhaltende Wachstum über ca. 25 Jahre nicht erklären. Am wichtigsten scheint der strukturelle Wandel zu sein, also die Verschiebung von Produktionsfaktoren von wenig produktiven in produktivere Bereiche, z.B. von der Landwirtschaft in die Industrie. Das würde erklären, warum noch stark agrarisch geprägte Länder wie Italien oder Spanien relativ hohe Wachstumsraten zu verzeichnen hatten. Wichtig ist auch die Diffusion von Innovationen, vor allem in der Industrie, aus den USA. Der Technologietransfer erlaubte ein spürbares Aufholen in der Produktivität. Umstritten ist die Rolle des Marshall-Plans. Obwohl die Beträge in der Gesamtsumme nicht sehr groß waren, wird von einigen Historikern argumentiert, dass sie wichtige "Flaschenhälse" beseitigt hätten. Allerdings gehörte z.B. auch Großbritannien zu den bevorzugten Empfängerländern, ohne dass sich hier starke Wachstumseffekte eingestellt hätten. Offensichtlich kam es also auch auf die Verwendung der Gelder an. Aber zu bestimmten Zeiten, vor allem in den frühen 50er Jahren, waren Gelder aus dem Marshall-Plan und andere öffentliche Investitionen in manchen Ländern durchaus hilfreich, quasi als Anschubfinanzierung. Der innereuropäische Handel kam dagegen erst nach dem Inkrafttreten der Römischen Verträge 1958 richtig in Schwung. Zwar wuchs der Außenhandel in den 50er und 60er Jahren stets stärker als das BIP, aber von einem doch recht niedrigen Niveau aus. Nennenswerte Wachstumtseffekte ergaben sich daher erst zum Ende des Zeitraums, in den späten 60ern.
Der Boom, in Deutschland immer noch häufig als "Wirtschaftswunder" bezeichnet, war also kein deutsches, sondern ein (mit wenigen Ausnahmen) westeuropäisches Phänomen, in gewisser Weise sogar ein globales. Das folgende Diagramm zeigt, dass auch die Wirtschaft anderer Weltregionen in dieser Zeit wuchs, wenn auch nicht unbedingt mit derselben Geschwindigkeit. Es zeigt auch, dass Westeuropa (gemessen am BIP/Kopf) noch deutlich hinter den USA zurück lag.
Weiter ist nach einzelnen Ländern zu differenzieren. Das folgende Diagramm zeigt, dass das Wachstum der bundesdeutschen Wirtschaft zwar auch im europäischen Vergleich gut abschnitt, aber nicht aus dem Rahmen fiel. Stark war das Wachstum daneben auch in Italien und (in den 60er Jahren) Spanien. Frankreich nahm eine mittlere Stellung ein, während das Wachstum in Großbritannien deutlich schwächer ausfiel. Unter den großen Ländern Westeuropas ist aber eher Großbritannien und der relative Niedergang seiner Wirtschaft die Ausnahme als Westdeutschland.
Schließlich wurden die Ursachen für das starke Wachstum diskutiert. Folgende fünf Einflussfaktoren, die sich nicht unbedingt ausschließen, wurden genannt:
1. Rekonstruktion
2. Struktureller Wandel
3. Diffusion von Innovationen
4. Marshall-Plan und öffentliche Investitionen
5. Inner-europäischer Handel
Unter Wirtschaftshistorikern herrscht nach wie vor Uneinigkeit über die Gewichtung der einzelnen Faktoren. Auf diese Forschungskontroverse näher einzugehen, ist hier aus Platzgründen nicht möglich. Zu den genannten fünf Faktoren gibt es in der Literatur noch weitere, die aber nicht so wichtig sind, da sie als widerlegt gelten können (z. B. die Theorie der "langen Wellen" oder die v.a. für Deutschland vorgetragene Strukturbruch-Hypothese).
Zu den einzelnen Faktoren: Rekonstruktionseffekte dürften vor allem in den 50er Jahren in stark zerstörten Ländern wie Deutschland eine gewisse Rolle gespielt haben, können aber das anhaltende Wachstum über ca. 25 Jahre nicht erklären. Am wichtigsten scheint der strukturelle Wandel zu sein, also die Verschiebung von Produktionsfaktoren von wenig produktiven in produktivere Bereiche, z.B. von der Landwirtschaft in die Industrie. Das würde erklären, warum noch stark agrarisch geprägte Länder wie Italien oder Spanien relativ hohe Wachstumsraten zu verzeichnen hatten. Wichtig ist auch die Diffusion von Innovationen, vor allem in der Industrie, aus den USA. Der Technologietransfer erlaubte ein spürbares Aufholen in der Produktivität. Umstritten ist die Rolle des Marshall-Plans. Obwohl die Beträge in der Gesamtsumme nicht sehr groß waren, wird von einigen Historikern argumentiert, dass sie wichtige "Flaschenhälse" beseitigt hätten. Allerdings gehörte z.B. auch Großbritannien zu den bevorzugten Empfängerländern, ohne dass sich hier starke Wachstumseffekte eingestellt hätten. Offensichtlich kam es also auch auf die Verwendung der Gelder an. Aber zu bestimmten Zeiten, vor allem in den frühen 50er Jahren, waren Gelder aus dem Marshall-Plan und andere öffentliche Investitionen in manchen Ländern durchaus hilfreich, quasi als Anschubfinanzierung. Der innereuropäische Handel kam dagegen erst nach dem Inkrafttreten der Römischen Verträge 1958 richtig in Schwung. Zwar wuchs der Außenhandel in den 50er und 60er Jahren stets stärker als das BIP, aber von einem doch recht niedrigen Niveau aus. Nennenswerte Wachstumtseffekte ergaben sich daher erst zum Ende des Zeitraums, in den späten 60ern.
Dienstag, 8. April 2014
Vorlesung Zeitalter des Massenkonsums: Einführung
Die erste Vorlesung beinhaltete im Wesentlichen eine Einführung in die Thematik und die Vorstellung des Vorlesungsplans. Der Plan gliedert sich nach thematischen Komplexen, also nicht chronologisch oder geographisch. Die Grundidee ist, dass der Übergang zum Massenkonsum nach dem Zweiten Weltkrieg die westeuropäischen Gesellschaften in allen Bereichen veränderte. Diesen Prozess gilt es nachzuzeichnen. Die nächste Vorlesung wird sich mit dem Wirtschaftswachstum dieser Zeit als Voraussetzung für die Zunahme des Konsums beschäftigen, die Vorlesungen danach mit verschiedenen Dimensionen des Massenkonsums. Danach wird ein Blick auf die Auswirkungen des Übergangs zum Massenkonsum in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen geworfen, wie soziale Schichtung, Geschlechterverhältnisse, Politik und Kultur. Hier der Vorlesungsplan:
Als Einführung in die Thematik wurden verschiedene Definitionen des Konsums diskutiert. Sie sind bewusst weit gefasst und wertneutral gehalten (siehe Bild).
Neben dem Begriff des Konsums wurde auch der häufig verwendete Begriff "Konsumgesellschaft" diskutiert. In Anlehnung an den Sozialhistoriker Michael Prinz lassen sich die folgenden Kriterien für eine Konsumgesellschaft benennen.
Prinz legt Wert darauf, dass es sich dabei um einen Tendenzbegriff handelt, d.h. eine Gesellschaft ist immer nur mehr oder weniger eine Konsumgesellschaft, je nachdem, inwieweit die oben stehenden Kriterien erfüllt sind. Daher lässt sich nicht mit mathematischer Exaktheit sagen, wann die westeuropäischen Gesellschaften zu Konsumgesellschaften geworden sind.
Hinsichtlich der Periodisierung der europäischen Konsumgeschichte besteht keine Einigkeit unter Historikern. Manche sehen wesentliche Elemente der modernen Konsumgesellschaft bereits in der Renaissance begründet oder gar vorweg genommen, andere setzen später ein.
Für jeden Periodisierungsvorschlag gibt es Argumente, deren Diskussion hier den Rahmen sprengen würde. Wichtig erscheint mir jedoch im Hinblick auf das Thema der Vorlesung, dass der Massenkonsum nach dem Zweiten Weltkrieg zwar in mancher Hinsicht neu war, jedoch wesentliche Elemente der Konsumgesellschaft auch in Europa bereits vorher ausgeprägt waren. Beispiele dafür sind die Werbung, das feste Ladengeschäft oder das Warenhaus als tragende Pfeiler modernen Kaufkonsums.
Als Einführung in die Thematik wurden verschiedene Definitionen des Konsums diskutiert. Sie sind bewusst weit gefasst und wertneutral gehalten (siehe Bild).
Neben dem Begriff des Konsums wurde auch der häufig verwendete Begriff "Konsumgesellschaft" diskutiert. In Anlehnung an den Sozialhistoriker Michael Prinz lassen sich die folgenden Kriterien für eine Konsumgesellschaft benennen.
Prinz legt Wert darauf, dass es sich dabei um einen Tendenzbegriff handelt, d.h. eine Gesellschaft ist immer nur mehr oder weniger eine Konsumgesellschaft, je nachdem, inwieweit die oben stehenden Kriterien erfüllt sind. Daher lässt sich nicht mit mathematischer Exaktheit sagen, wann die westeuropäischen Gesellschaften zu Konsumgesellschaften geworden sind.
Hinsichtlich der Periodisierung der europäischen Konsumgeschichte besteht keine Einigkeit unter Historikern. Manche sehen wesentliche Elemente der modernen Konsumgesellschaft bereits in der Renaissance begründet oder gar vorweg genommen, andere setzen später ein.
Für jeden Periodisierungsvorschlag gibt es Argumente, deren Diskussion hier den Rahmen sprengen würde. Wichtig erscheint mir jedoch im Hinblick auf das Thema der Vorlesung, dass der Massenkonsum nach dem Zweiten Weltkrieg zwar in mancher Hinsicht neu war, jedoch wesentliche Elemente der Konsumgesellschaft auch in Europa bereits vorher ausgeprägt waren. Beispiele dafür sind die Werbung, das feste Ladengeschäft oder das Warenhaus als tragende Pfeiler modernen Kaufkonsums.
Montag, 3. März 2014
Konsum und Politik
Heft
3/2011 der Zeitschrift „Comparativ“ (herausgegeben von Kirsten
Bönker und Vera Caroline Simon) beschäftigte sich mit dem Thema
„Konsum und politische Kommunikation“. Nicht zu Unrecht betonen
die Herausgeber, dass Konsum und Politik in der neueren Forschung
nicht mehr als Gegensätze verstanden werden. Gefragt wird
dementsprechend, „wie wann und unter welchen Bedingungen Konsum
politisiert, depolitisiert und entpolitisiert wurde“ (S. 9), mit
Bezug auf West- und Osteuropa seit der Frühen Neuzeit. Im Einzelnen
behandeln die Aufsätze recht divergente Themen: Konsum als Motiv in
Reiseberichten des 16. Jahrhunderts; deutsche und niederländische
Radfahrerverbände in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; die
politische Repräsentation des Konsumenten nach dem Ersten Weltkrieg;
Planung und Partizipation in Schweden und Norwegen 1930-60;
Visualisierungsstrategien in ostdeutschen und sowjetischen
Printmedien 1953-64; und der „dicke Körper“ in der DDR und BRD.
Die einzelnen Beiträge sind insgesamt durchaus interessant und
lesenswert. In der Zusammenschau fällt jedoch die Heterogenität
auf, die wohl auch damit zu tun hat, dass sowohl „Konsum“ als
auch „Politik“ (bzw. „das Politische“) definitorisch recht
weit gefasst werden. Sicher ist es lobenswert, dass die Autoren und
Herausgeber einer simplizistischen Sichtweise nach dem Motto „Konsum
plus Politik gleich fortschrittlich, Konsum minus Politik gleich
Rückschritt“ (S. 9) eine Absage erteilen. Nichtsdestotrotz
vermisst der Leser Hypothesen über die Zusammenhänge der beiden
zentralen Begriffe, die es erlauben würden, die Beiträge besser
einzuordnen.
Ein
ganz anderes, nicht auf dieses Heft beschränktes Problem in der
Konsumgeschichte scheint mir jedoch, dass, bei aller berechtigten
Betonung der politischen Rolle des scheinbar unpolitischen Konsums,
die umgekehrte Blickrichtung vernachlässigt wird. Soll heißen: es
wäre einmal interessant zu fragen, nicht wie der die Politik den
Konsum regulierte, sondern wie der Konsum (der Politiker) politische
Entscheidungen beeinflusste. In politikgeschichtlichen Darstellungen
findet sich hierzu wenig bis gar nichts. Aber ist es wirklich
realistisch anzunehmen, dass beispielsweise Bismarcks exzessiver
Alkoholkonsum überhaupt keine Auswirkungen auf die „große“
Politik hatte?
Freitag, 13. Dezember 2013
Do-It-Yourself
Vom
Deutschen Historischen Institut in Washington gibt es einen
interessanten Call for Papers
(http://www.ghi-dc.org/index.php?option=com_content&view=article&id=1422&Itemid=1232)
für einen Workshop zum Thema Geschichte des Selbermachens
(Do-It-Yourself). In der Tat ist das ein interessantes Thema, zu dem
noch nicht viele wissenschaftliche Studien vorliegen. Vom Standpunkt
der Konsumgeschichte ist das Interessante daran, dass Selbermachen
einerseits als Negation der modernen kommerziellen Konsumgesellschaft
erscheint, die ja auf Kaufen und Verkaufen beruht. So grenzen viele
Historiker den modernen Konsum auch von der traditionellen
Selbstversorgung ab. Andererseits lässt sich leicht zeigen, dass
diese Abgrenzung nie vollständig sein kann. Anders formuliert: auch
zum modernen Konsum gehörte das Selbermachen immer dazu, sei es als
Aneignung von Gegenständen wie Auto-Tuning, sei es als traditionell
weiblich konnotierte Hausarbeit wie das Ausbessern von Kleidung etc.
Somit handelt es sich bei der wohl in der Nachkriegszeit in den USA
entstandenen Do-It-Yourself-Bewegung weniger um einen Gegenentwurf
zum modernen Konsum, sondern eher um eine Substitution des Konsums
von Dienstleistungen (z.B. Reparaturen durch Handwerker) durch den
Konsum von materiellen Objekten (Werkzeug etc.).
Ich
habe nur am Rande zu dem Thema geforscht, aber ein oder zwei
Bemerkungen sollen hier dennoch gemacht werden. Erstens dürfte die
Abgrenzung zur traditionellen Selbstversorgung schwierig sein.
Schließlich war es lange Zeit die Regel, dass bestimmte Konsumgüter
wie Kleidung, Möbel oder Hausrat selbst repariert wurden, lange
bevor man von „Do-It-Yourself“ gesprochen hat. Die traditionelle
Selbstversorgung wird in ihrer Bedeutung häufig unterschätzt. Allzu
oft liest man pauschale Behauptungen, dass sie durch die
Industrialisierung und Urbanisierung des 19. Jahrhunderts mehr und
mehr verdrängt worden sei. Das ist zwar nicht falsch, unterschätzt
aber die Rolle, die die Selbstversorgung im 20. Jahrhundert in Not-
und Krisenzeiten für die Stadtbevölkerung und zu allen Zeiten für
die Landbevölkerung spielte. Ein Beispiel: Für Frankreich im Jahr
1980 wird geschätzt, dass ca. 1/3 des Nahrungsmittelkonsums der
ländlichen Bevölkerung (aber nur 5,8 % desselben in der städtischen
Bevölkerung) über Selbstversorgung gedeckt wurde. Der Anteil hatte
sich gegenüber 1970 nicht verringert. Vielmehr trat in der
Nachkriegszeit der Effekt ein, dass die Selbstversorgung auch auf dem
Land immer weniger der bloßen Deckung des Bedarfs diente, sondern
immer mehr zur Bereicherung des Angebots und aus Gründen der
besseren Qualität (Frische!) betrieben wurde (Gabriella Harvey
Finazzer, Francia: L´autoconsumo in crisi?, in: Rivista di economia
agraria 40 (1985), S. 217-240).
Mit Do-It-Yourself hat
das zugegebenermaßen wenig zu tun. Hier wäre es zweitens
interessant, nach internationalen Unterschieden zu fragen. Für den
französischen Kabarettisten Emanuel Peterfalvi ist das Einkaufen im
Baumarkt jedenfalls etwas typisch deutsches, so wie der
Schrebergarten oder die Currywurst
(http://www.youtube.com/watch?v=ejn_O728krM).
Aber ist das so? Hier ist das, was Eurostat zu dem Thema zu sagen hat
(http://appsso.eurostat.ec.europa.eu/nui/submitViewTableAction.do;jsessionid=9ea7d07d30de975c9407440845d9a60abfe881637ae0.e34OaN8PchaTby0Lc3aNchuMch0Le0):
Der Anteil der Ausgaben eines Haushaltes für „Werkzeuge und andere
Gebrauchsgüter für Haus und Garten“ betrug 2005 0,4 % in der EU
und 0,5 % im Euroraum. Dass diese Zahlen gemessen am Gesamtbudget
eher gering sind, überrascht nicht, wohl aber die temporalen und
regionalen Unterschiede. So stieg der Anteil dieses Ausgabepostens in
Frankreich zwischen 1988 und 1994 von 0,2 auf 0,9 % und in
Großbritannien von 0,1 auf 0,6 %. Das bedeutet für diese beiden
Länder einen Sprung auf das Viereinhalb- bzw. Sechsfache innerhalb
von lediglich sechs Jahren. Wurden in dieser Zeit die statistischen
Erfassungskriterien geändert (das müsste eigentlich in der Tabelle
vermerkt sein) oder ist der Anstieg real? Wenn ja, hat die
Do-It-Yourself-Bewegung erst um 1990 in diesen beiden Ländern Fuß
gefasst?
Bei
den regionalen Unterschieden fällt auf, dass sich jedenfalls 2005
(das Jahr, für das die meisten Daten vorliegen) ein deutliches
Nord-Süd-Gefälle innerhalb Europas bemerkbar macht. Die Länder mit
dem niedrigsten Anteil an Ausgaben für Werkzeug sind Griechenland,
Spanien, Portugal, Rumänien und die Türkei (je 0,1 %); den höchsten
Anteil haben Schweden (0,9 %), die Niederlande (0,8 %), Norwegen,
Dänemark und Malta (0,7 %). Deutschland liegt mit 0,6 % knapp
dahinter. Do-It-Yourself scheint also eher ein nordeuropäisches
Phänomen zu sein (mit der Ausnahme Maltas). Eine vergleichende
Studie verschiedener europäischer Länder wäre durchaus
wünschenswert. Hoffen wir, dass der Workshop in Washington hier
weitere Aufschlüsse gibt.
Dienstag, 3. Dezember 2013
Ausländische Gastronomie
Neulich
hatte ich die Gelegenheit, ein Buch der Kollegin Maren Möhring über
die ausländische Gastronomie in der Bundesrepublik Deutschland
rezensieren zu dürfen. Die Rezension findet sich auf H-Soz-Kult
(http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-061). Das
Buch ist insgesamt gelungen, lässt jedoch
auch einige Fragen offen. So bleibt z.B. die chinesische Küche
ausgespart. Offenbar verbreitete sie sich vor allem seit den
sechziger Jahren. Es wäre lohnenswert, dem Aufschwung der
China-Restaurants im Spiegel deutscher Presseerzeugnisse einmal näher
nachzugehen. Eine erste Recherche im „Spiegel“ brachte folgende
Ergebnisse zutage: 1964 (H.47) berichtete der Spiegel über den Boom
der China-Restaurants, die mittlerweile in jeder deutschen Großstadt
zu finden seien und angeblich doppelt so viel Umsatz machten wie
deutsche Gaststätten. Der Ton ist hier durchweg positiv, Kritik gibt
es an den deutschen Ausländerbehörden, die mit den
Arbeitsgenehmigungen für chinesische Köche sehr restriktiv seien.
Einen anderen Ton schlug das Hamburger Nachrichtenmagazin zwei Jahre
später an, als ein Artikel über chinesische Spionage behauptete:
„In China-Restaurants sind die Telephone oft an ein Tonbandgerät
angeschlossen, dem nachrichtendienstlich geschulte Chop-Suey-Köche
nach Feierabend lauschen.“ (35/1966; ein ähnlicher Artikel über
chinesische Spionage in den Niederlanden findet sich auch in H.
22/1966). Hier erscheinen die chinesischen Restaurants eher als
Außenstellen des chinesischen Geheimdienstes, der sie für
konspirative Treffen nutzte. Inwieweit die Expansion der
China-Restaurants von den Bedürfnissen der Geheimdienste motiviert
war, ließ der Artikel jedoch offen. Wiederum zwei Jahre später
erfuhr der deutsche Leser vom neuartigen „China-Restaurant-Syndrom“
(33/1968): Bereits fünfzehn bis zwanzig Minuten nach dem ersten Gang
spürten die Betroffenen dumpfe Kopf- oder Muskelschmerzen. Dazu
kämen kalter Schweiß und ungewollter Tränenfluss. Ursache sei das
Glutamat, das als Geschmacksverstärker zwar in der deutschen Küche
durchaus nicht unbekannt war, in den China-Restaurants aber angeblich
„kanisterweise“ verbraucht würde.
In
späteren Jahrgängen wurde dann zunehmend die Chinesen-Mafia
(„Triaden“) zum Thema der Berichterstattung. So z.B. in einem
Artikel von 1991, der behauptete, 95 % der zahlreichen chinesischen
Restaurants in den Niederlanden würden Schutzgeld zahlen (44/1991).
Nach diesem Bericht kam es vermehrt seit den achtziger Jahren in der
Bundesrepublik zu Schutzgelderpressungen und Überfällen auf Wirte
von China-Restaurants. Der Artikel beleuchtete auch den Rassismus in
der deutschen Polizei: Angeblich habe das BKA eine Sonderkommission
„Schlitzauge“ gebildet, die jahrelang gegen eine Bande von
Schutzgelderpressern ermittelte. Mittlerweile wird über
China-Restaurants fast nur noch negativ berichtet. 2007 erschien in
einem taz-blog ein Beitrag über das große China-Restaurant-Sterben.
Die Restaurants mit ihrer pseudo- chinesischen, in Wahrheit
deutschen, Inneneinrichtung würden nicht mehr zum neuen China-Bild
passen
(http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2007/05/09/das-grosse-chinarestaurant-sterben).
In demselben Jahr verursachte ein mehrfacher Mord in einem
China-Restaurant in Sittensen große Aufregung, und 2009 erschien im
„Spiegel“ ein Artikel, in dem die menschenunwürdigen
Arbeitsbedingungen in den Gaststätten angeprangert wurden (34/2009).
Neben Schutzgelderpressungen rückte damit der organisierte
Menschenhandel in den Fokus der Berichterstattung. Ob die
China-Restaurants wirklich vom Aussterben bedroht sind, ist unklar.
Jedenfalls wäre es aber eine lohnende Arbeit, einmal eine größere
Arbeit zur Rezeption der chinesischen Küche in der deutschen Presse
zu schreiben.
DIe "Italiengeneration"
Eine
kleine, aber interessante Forschungskontroverse existiert
hinsichtlich des Massenkonsums in der Bundesrepublik Deutschland der
50er und 60er Jahre. Genauer gesagt, geht es um den Einfluss
ausländischer Vorbilder auf den bundesdeutschen Massenkonsum im
Sinne einer „Westernisierung“ (Anselm Doering-Manteuffel) der
frühen Bundesrepublik. Till Manning hat letztes Jahr (2011) eine
Dissertationsschrift veröffentlicht, in der er nicht nur den
Italientourismus bundesdeutscher Urlauber untersucht, sondern daran
weit reichende Behauptungen knüpft. So sei der Italienurlaub
stilbildend für eine ganze westdeutsche Konsumentengeneration
geworden. Diese These blieb nicht unwidersprochen. Patrick Bernhard
hat in einem Aufsatz die bis in die 70er Jahre existierenden mentalen
Vorbehalte der Deutschen gegenüber den Italienern als Hindernis für
eine „Italianisierung“ der Bundesrepublik betont. Nach meiner
Meinung wohl zurecht. Zum Massentourismus, der konsum- und
sozialhistorisch in der Tat ein hoch interessantes Phänomen
darstellt, sei aus vergleichender europäischer Perspektive noch
bemerkt, dass das Reiseverhalten in den einzelnen Ländern in den
50er und 60er Jahren noch sehr unterschiedlich war. In Italien war
Urlaub noch kaum verbreitet, Franzosen reisten aufs Land, um
Verwandte zu besuchen. Die Briten hatten Mitte der sechziger Jahre
zwar die höchste Reiseintensität, blieben aber auf ihrer Insel. Die
Deutschen reisten zwar häufiger ins Ausland, aber hier war lange
Zeit das kulturell ähnliche Österreich ein beliebteres Reiseziel
als Italien oder andere Länder. Klammert man Österreich aus, so
reisten selbst Ende der 60er Jahre nicht mehr als 15 % der
Bundesbürger ins Ausland. Reicht das für die Bezeichnung
„Italiengeneration“? Oder haben wir es nicht doch eher mit einer
Schwarzwald- und Sauerlandgeneration zu tun?
Hier
die Literaturhinweise: Till Manning, Die Italiengeneration.
Stilbildung durch Massentourismus, Göttingen 2011; Patrick Bernhard,
“Dolce Vita”, “Made in Italy” und Globalisierung, in: Oliver
Janz/ Roberto Sala (Hg.), Dolce Vita. Das Bild der italienischen
Migranten in Deutschland, Frankfurt/ New York 2011, S. 62-81; Manuel
Schramm, Nationale
Unterschiede im westeuropäischen Massenkonsum. Großbritannien,
Frankreich, Deutschland und Italien 1950–1970, in: Manuel Schramm
(Hg.), Vergleich und Transfer in der Konsumgeschichte, Leipzig 2010
(Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und Vergleichende
Gesellschaftsforschung 6/2009), S. 68-85
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