Ein Kollege aus der Soziologie machte mich neulich darauf aufmerksam, dass in der Verbraucherpolitik "nudging" gerade sehr in Mode sei. Für diejenigen, die es noch nicht kennen: es kommt aus dem Englischen, wo das Verb "nudge" so viel bedeutet wie stoßen oder schubsen. Es geht zurück auf Veröffentlichungen des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Richard Thaler und des amerikanischen Juristen Cass Sunstein. Worum geht es? Im Kern ist "nudging" ein Versuch, das Verhalten von Konsumenten ohne explizite Ge- und Verbote oder finanzielle Anreize (Prämien etc.) zu steuern. Die Rede ist von einem "libertären Paternalismus": Paternalismus, weil versucht wird, das Konsumverhalten zu beeinflussen (z.B. in Richtung auf gesündere Lebensweise oder umweltfreundliches Verhalten); libertär, weil der Einzelne die Möglichkeit hat, ohne große Mühe dieser Steuerung zu entgehen. Nudges sind demzufolge "transparente Gestaltungselemente von Entscheidungssituationen und Verhaltenskontexten, gewählt in Kenntnis der menschlichen Verhaltenstendenzen und Heuristiken" (Lucia Reisch, Nudging in der Verbraucherpolitik, Baden-Baden 2015, S. 19). Attraktiv ist dieser Ansatz für die Politik aus zwei Gründen: zum einen sind Verbote häufig unpopulär, zum anderen kostet "nudging" in der Regel nichts oder nicht sehr viel.
Beispiele für "nudging", die von Thaler und Sunstein genannt werden, sind etwa die Anordnung von Speisen in einer Schulcafeteria (um die Schüler zur Wahl gesünderen Essens anzuhalten), die eingravierte Fliege im Pissoir (um das Spritzen zu minimieren) oder die automatische Voreinstellung bei Kopierern und Druckern, dass beidseitig gedruckt wird, wenn die Einstellung nicht verändert wird (zur Papierersparnis). Die Beispiele zeigen jedoch, dass es mit der viel beschworenen Transparenz nicht weit her ist: dem Benutzer eines Pissoirs wird nicht erläutert, warum dort das Bild einer Fliege eingraviert ist, und den Schülern nicht erklärt, warum ihre Lieblingsspeisen versteckt werden. Das resultiert aus dem der Verhaltensökomomik zugrunde liegenden Menschenbild, das auf dem psychologischen Behaviorismus beruht, und den Menschen als eine Art Maschine ansieht, die auf bestimmte Reize auf eine bestimmte, vorhersehbare Art reagiert und damit manipulierbar ist (Reiz-Reaktions-Ketten). In der Psychologie gilt dieser Ansatz übrigens seit den 60er Jahren als überholt.
Aus historischer Sicht ist zweierlei anzumerken: erstens, viele der von den Autoren genannten Beispiele sind im Grunde alter Wein in neuen Schläuchen. Die Anordnung von Waren zur subtilen Beeinflussung des Konsumenten ist bereits seit Jahrzehnten in den Supermärkten (in Europa nach 1945, in den USA schon vorher) und zuvor schon in den Warenhäusern benutzt worden. Auch die Forderung nach mehr Transparenz für den Verbraucher ist nicht neu, sondern hat ihre Quelle in der Verbraucherschutzbewegung, die seit den 50er Jahren in Deutschland aktiv war (Verbraucherzentralen, Stiftung Warentest u.ä.). Andere "nudges" wie grafische Warnhinweise auf Zigarettenpackungen greifen eher auf werbepsychologische Erkenntnisse zurück (Bilder wirken besser als Worte).
Zweitens: Aus historischer Sicht besteht eigentlich keine Notwendigkeit, gegenüber den traditionellen Verfahren der Konsumregulierung skeptisch zu sein. Es lassen sich viele Beispiele dafür finden, dass Konsumpolitik es vermocht hat, den Konsum in gewünschter Weise zu beeinflussen. So sorgte die Erhöhung der Branntweinsteuer 1887 tatsächlich für einen Rückgang des Branntweinkonsums. Auch die so genannten "Abwrackprämie" (offiziell Umweltprämie genannt) von 2009 war zumindest ein wirtschaftspolitischer Erfolg (1,9 Mio. Anträge), umweltpolitisch ist sie eher umstritten. Auch Verbote entfalten Wirkung. Neuere Studien argumentieren, dass selbst die spätmittelalterlichen Kleiderordnungen und Luxusgesetze nicht nur auf dem Papier standen, wie die Forschung lange angenommen hat, sondern tatsächlich durchgesetzt wurden (Catherine Kovesi Killerby, Sumptuary Law in Italy, Oxford 2002). Sicher, in anderen Bereichen wie z.B. gesunde Ernährung war die Politik weniger erfolgreich. Dennoch: Die Beliebtheit des "nudging" lässt sich nicht einfach auf ein Versagen traditioneller Instrumentarien zurückführen. Vielmehr spiegelt sich hier die in einem anderen Blog-Beitrag ("Ende des Laissez-Faire", 10.11.15) bereits beschriebene Tendenz zu einem neuen Staatsinterventionismus im Bereich des Konsums.
Dienstag, 5. April 2016
Freitag, 18. März 2016
Billy
Die Konsumgeschichte ist ein Feld, das zumeist wissenschaftlich gebildete Experten anspricht. Nur selten schaffen es Themen der Konsumgeschichte in die Publikumszeitschriften. Doch es gibt Ausnahmen: Vor einigen Tagen (am 7. März) meldeten alle großen Zeitungen (FAZ, Süddeutsche, Welt, Spiegel etc.), dass Gillis Lundgren gestorben ist. Der schwedische Designer galt als "Erfinder" des Billy-Regals von IKEA, das nach Konzernangaben über 41 Mio. mal verkauft wurde (das "Bücherregal des Abendlandes", so Kurt Kister in der Süddeutschen). Daneben erfährt man aus den genannten Presseberichten so interessante Details, wie z.B. dass das 1979 eingeführte Regal anfangs nur in Fichte und Eiche erhältlich war, oder dass Lundgren auch die Idee hatte, die Möbel zerlegt in flachen Paketen zu verkaufen. Insgesamt ist den Presseberichten deutlich anzumerken, dass sie auf einer Pressemitteilung des IKEA-Konzerns beruhen, wie überhaupt IKEA sehr bestrebt ist, seine Geschichte selbst zu erzählen und die Deutungshoheit zu behalten.
Nun wäre es vielleicht reizvoll, eine kritische Unternehmensgeschichte zu schreiben, die u.a. die intransparente Konzernstruktur, die Ausnutzung von Steuerschlupflöchern, die Produktion in Billiglohnländern oder die faschistische Vergangenheit des Konzerngründers Ingvar Kamprad thematisiert. Aber hier soll es mehr um eine Einordnung in die großen Trends der Konsumgeschichte gehen. Und da fällt IKEA in dieselbe Kategorie wie McDonald´s oder Aldi. Das Grundprinzip ist immer dasselbe: das Unternehmen macht Gewinn durch hohen Umsatz bei relativ niedrigen Preisen. Die niedrigen Preise erreicht man einmal durch Größenvorteile und Preisdruck auf die Lieferanten, zum anderen aber, und das ist konsumhistorisch interessant, durch die Abwälzung eines Teils der Arbeit auf die Konsumenten. Ebenso wie die Montage von Möbeln war auch der Service im Restaurant schwer zu rationalisieren, die klassische Massenproduktion stieß hier an Grenzen. Daher die Idee, den Teil der Arbeit, der sich nicht standardisieren und rationalisieren ließ, auf den Kunden zu verlagern: Transport und Zusammenbau der Möbel bei IKEA, das Essenholen und Abräumen der Tische bei McDonald´s, das Auspacken und die Präsentation der Waren beim Discounter (wo sie in der Regel in den von Großhandel gelieferten Kartons aufgestellt werden).
Diese Strategie, die George Ritzer als "McDonaldisierung" bezeichnete, hat einige Jahrzehnte gut funktioniert. Sie hat zwar ältere Wurzeln, aber die Expansion der genannten Unternehmen setzte erst nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem seit den 70er Jahren ein. Mittlerweile gibt es aber Anzeichen, dass sich das Geschäftsmodell etwas erschöpft hat. McDonald´s hat selbst in den USA Probleme. Vergangenes Jahr fragte die BBC, ob die Liebesaffäre der Amerikaner mit der Fast-Food-Kette zu Ende gehe. Die Discounter müssen gleichfalls kämpfen, zum Teil mit Hypermärkten, die eine größere Auswahl bieten, zum Teil mit Handelsmarken in regulären Supermärkten. Und IKEA? Das Unternehmen expandiert zwar weiter, sieht sich aber gleichzeitig neuer Konkurrenz durch den online-Handel gegenüber. Es bleibt abzuwarten, ob die "McDonaldisierung" sich fortsetzt, oder an den gestiegenen Erwartungen der Konsumenten scheitert.
Nun wäre es vielleicht reizvoll, eine kritische Unternehmensgeschichte zu schreiben, die u.a. die intransparente Konzernstruktur, die Ausnutzung von Steuerschlupflöchern, die Produktion in Billiglohnländern oder die faschistische Vergangenheit des Konzerngründers Ingvar Kamprad thematisiert. Aber hier soll es mehr um eine Einordnung in die großen Trends der Konsumgeschichte gehen. Und da fällt IKEA in dieselbe Kategorie wie McDonald´s oder Aldi. Das Grundprinzip ist immer dasselbe: das Unternehmen macht Gewinn durch hohen Umsatz bei relativ niedrigen Preisen. Die niedrigen Preise erreicht man einmal durch Größenvorteile und Preisdruck auf die Lieferanten, zum anderen aber, und das ist konsumhistorisch interessant, durch die Abwälzung eines Teils der Arbeit auf die Konsumenten. Ebenso wie die Montage von Möbeln war auch der Service im Restaurant schwer zu rationalisieren, die klassische Massenproduktion stieß hier an Grenzen. Daher die Idee, den Teil der Arbeit, der sich nicht standardisieren und rationalisieren ließ, auf den Kunden zu verlagern: Transport und Zusammenbau der Möbel bei IKEA, das Essenholen und Abräumen der Tische bei McDonald´s, das Auspacken und die Präsentation der Waren beim Discounter (wo sie in der Regel in den von Großhandel gelieferten Kartons aufgestellt werden).
Diese Strategie, die George Ritzer als "McDonaldisierung" bezeichnete, hat einige Jahrzehnte gut funktioniert. Sie hat zwar ältere Wurzeln, aber die Expansion der genannten Unternehmen setzte erst nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem seit den 70er Jahren ein. Mittlerweile gibt es aber Anzeichen, dass sich das Geschäftsmodell etwas erschöpft hat. McDonald´s hat selbst in den USA Probleme. Vergangenes Jahr fragte die BBC, ob die Liebesaffäre der Amerikaner mit der Fast-Food-Kette zu Ende gehe. Die Discounter müssen gleichfalls kämpfen, zum Teil mit Hypermärkten, die eine größere Auswahl bieten, zum Teil mit Handelsmarken in regulären Supermärkten. Und IKEA? Das Unternehmen expandiert zwar weiter, sieht sich aber gleichzeitig neuer Konkurrenz durch den online-Handel gegenüber. Es bleibt abzuwarten, ob die "McDonaldisierung" sich fortsetzt, oder an den gestiegenen Erwartungen der Konsumenten scheitert.
Dienstag, 24. November 2015
Otto Schily und die Banane
Offenbar ist der TV-Ausschnitt, in dem Otto Schily (SPD) den Ausgang der Volkskammerwahl 1990 mit der Banane in der Hand kommentiert, im Internet nicht mehr verfügbar. Das ist schade, handelt es sich doch um ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte. U.a. durch dieses Interview wurde die Banane zum Symbol des materialistischen Ossis.
Hier die Aussage Schilys im Wortlaut:
Hier die Aussage Schilys im Wortlaut:
"Ein Argument für die Wahl ist dies hier, die schöne Banane, und ich kann das auch verstehen, dass die Menschen, die hier lange da [!] nach solchen Südfrüchten haben anstehen müssen, wenn sie überhaupt
vorhanden waren, höchstens mal bei der Leipziger Messe, dass sie die gerne auch in ihrem Laden zu einem guten Preis haben wollen."
Allerdings hat sich Otto Schily später für diese Aussage entschuldigt.
Hier das Video:
Montag, 16. November 2015
Energiekonsum
Der folgende link führt zu einer Rezension von mir zum Thema Energiekonsum in der Bundesrepublik Deutschland auf sehepunkte.
Dienstag, 10. November 2015
Ende des Laissez-Faire?
Verschiedene Meldungen geistern durch die Medien, die auf einen neuen staatlichen Interventionismus im Bereich des Konsums hindeuten. In Berlin will das Bezirksparlament sexistische Werbeplakate verbieten, was einen Kommentator an die Taliban erinnert (Tagesspiegel). In Frankreich soll ein Gesetz verabschiedet werden, das Werbung mit untergewichtigen Models verbietet; und in Großbritannien ist dieses Jahr aus diesem Grund bereits eine Werbeanzeige der Firma Yves Saint-Laurent verboten worden (Spiegel online, Advertising Standards Authority). In Israel ist ein entsprechendes Gesetz bereits 2013 in Kraft getreten. Hier ein link zu einer online-Petition gegen Magermodels bei Yves Saint-Laurent: change.org
Auch Rauchverbote verbreiten sich zunehmend. Am bekanntesten sind vielleicht das Volksbegehren und der Volksentscheid 2010 in Bayern für ein vollständiges Rauchverbot in Gaststätten. Es zeigte, dass Eingriffe in die Konsumentenfreiheit auch in westlichen Staaten eine hohe Akzeptanz besitzen, wenn sie gut begründet werden.Vorreiter bei der besonders umstrittenen Einführung des Rauchverbots in Gaststätten waren Irland und Norwegen, wo entsprechende Verbote schon 2004 in Kraft gesetzt wurden. Auch bei Rauchern gibt es eine gewisse Sympathie für Rauchverbote in Gaststätten. In Deuteschland sind ungefähr ein Drittel der über 15-Jährigen Raucher, bezogen auf die Gesamtbevölkerung ca. 23 %. In Europa schwankt der Raucheranteil zwischen 18 % in Norwegen und 35 % in Griechenland. Seit Einführung des Rauchverbots in Gaststätten ist die Zahl der Herzinfarkte in Deutschland um 8 % zurück gegangen (DAK).
In der Tat ist die Begründung der staatlichen Eingriffe interessant. Sie sind nicht einheitlich, allerdings spielt die Sorge um die öffentliche Gesundheit eine große Rolle. So wird die Werbung mit untergewichtigen Models kritisiert, weil zu befürchten steht, dass sie (insbesondere bei jungen Frauen und Mädchen) Magersucht fördere. Der Zusammenhang ist so direkt schwer nachzuweisen. Eine neuere psychologische Studie will aber in der Tat einen negativen Effekt von Models in der Werbung auf das Körperselbstbild von Frauen nachgewiesen haben (bei Männern zeigt sich dieser Effekt übrigens nicht). Beim Rauchverbot in Gaststätten spielt der Arbeitsschutz die ausschlaggebende Rolle. Da Gaststätten Arbeitsplätze sind, gilt es, so das Argument, die Beschäftigten vor den Gefahren des Passivrauchens zu schützen. Bei dem Verbot sexistischer Werbung geht es dagegen weniger um gesundheitliche Fragen als um die Gleichstellung von Mann und Frau. Interessant sind übrigens die historischen Parallelen. Auch im deutschen Kaiserreich diente der Arbeitsschutz als Vehikel zur gesetzlichen Beschränkung von Ladenöffnungszeiten, insbesondere an Sonntagen (1891 und 1900).
Die Begründungen sind also unterschiedlich, aber die Tendenz scheint doch in die Richtung eines größeren staatlichen Interventionismus zu gehen. Ist das liberale Laissez-Faire im Bereich des Konsums also vorbei? Der amerikanische Historiker Gary Cross ließ seine Studie über Konsum im 20. Jahrhundert noch mit dem Triumph des Marktes seit der Reagan-Ära enden. Ist nun diese Zeit der weitgehend freien Märkte mit Betonung der Konsumentensouveränität an ihr Ende gekommen? Und was kommt danach? Ein neuer staatlicher Interventionismus, der sich auf die öffentliche Gesundheitsvorsorge (public health) beruft? Anders als Gary Cross vermutete, ist es aber nicht primär der Schutz von Kindern, der als Vehikel zur Beschränkung der Konsumentensouveränität dient.
Beides (die Betonung der ungehemmten Konsumentensouveränität wie der staatliche Interventionismus) ist nicht unproblematisch. Die Berufung auf die Freiheit der Märkte droht den Konsumenten gegenüber den Produzenten zu benachteiligen, da letzterer in der Regel einen Informationsvorsprung besitzt, der nur schwer einzuholen ist. Die Berufung auf die öffentliche Gesundheit birgt aber die Gefahr, zu einem Paternalismus der Experten zu auszuarten. Eine Debatte darüber findet bisher allerdings nicht oder nur in Ansätzen statt.
Nachtrag (Dezember 2015): Das geplante Gesetz gegen zu dünne Models in Frankreich ist nun verabschiedet worden. Demnach benötigen Models eine medizinische Bescheinigung, dass sie nicht krankhaft dünn sind.
Auch Rauchverbote verbreiten sich zunehmend. Am bekanntesten sind vielleicht das Volksbegehren und der Volksentscheid 2010 in Bayern für ein vollständiges Rauchverbot in Gaststätten. Es zeigte, dass Eingriffe in die Konsumentenfreiheit auch in westlichen Staaten eine hohe Akzeptanz besitzen, wenn sie gut begründet werden.Vorreiter bei der besonders umstrittenen Einführung des Rauchverbots in Gaststätten waren Irland und Norwegen, wo entsprechende Verbote schon 2004 in Kraft gesetzt wurden. Auch bei Rauchern gibt es eine gewisse Sympathie für Rauchverbote in Gaststätten. In Deuteschland sind ungefähr ein Drittel der über 15-Jährigen Raucher, bezogen auf die Gesamtbevölkerung ca. 23 %. In Europa schwankt der Raucheranteil zwischen 18 % in Norwegen und 35 % in Griechenland. Seit Einführung des Rauchverbots in Gaststätten ist die Zahl der Herzinfarkte in Deutschland um 8 % zurück gegangen (DAK).
In der Tat ist die Begründung der staatlichen Eingriffe interessant. Sie sind nicht einheitlich, allerdings spielt die Sorge um die öffentliche Gesundheit eine große Rolle. So wird die Werbung mit untergewichtigen Models kritisiert, weil zu befürchten steht, dass sie (insbesondere bei jungen Frauen und Mädchen) Magersucht fördere. Der Zusammenhang ist so direkt schwer nachzuweisen. Eine neuere psychologische Studie will aber in der Tat einen negativen Effekt von Models in der Werbung auf das Körperselbstbild von Frauen nachgewiesen haben (bei Männern zeigt sich dieser Effekt übrigens nicht). Beim Rauchverbot in Gaststätten spielt der Arbeitsschutz die ausschlaggebende Rolle. Da Gaststätten Arbeitsplätze sind, gilt es, so das Argument, die Beschäftigten vor den Gefahren des Passivrauchens zu schützen. Bei dem Verbot sexistischer Werbung geht es dagegen weniger um gesundheitliche Fragen als um die Gleichstellung von Mann und Frau. Interessant sind übrigens die historischen Parallelen. Auch im deutschen Kaiserreich diente der Arbeitsschutz als Vehikel zur gesetzlichen Beschränkung von Ladenöffnungszeiten, insbesondere an Sonntagen (1891 und 1900).
Die Begründungen sind also unterschiedlich, aber die Tendenz scheint doch in die Richtung eines größeren staatlichen Interventionismus zu gehen. Ist das liberale Laissez-Faire im Bereich des Konsums also vorbei? Der amerikanische Historiker Gary Cross ließ seine Studie über Konsum im 20. Jahrhundert noch mit dem Triumph des Marktes seit der Reagan-Ära enden. Ist nun diese Zeit der weitgehend freien Märkte mit Betonung der Konsumentensouveränität an ihr Ende gekommen? Und was kommt danach? Ein neuer staatlicher Interventionismus, der sich auf die öffentliche Gesundheitsvorsorge (public health) beruft? Anders als Gary Cross vermutete, ist es aber nicht primär der Schutz von Kindern, der als Vehikel zur Beschränkung der Konsumentensouveränität dient.
Beides (die Betonung der ungehemmten Konsumentensouveränität wie der staatliche Interventionismus) ist nicht unproblematisch. Die Berufung auf die Freiheit der Märkte droht den Konsumenten gegenüber den Produzenten zu benachteiligen, da letzterer in der Regel einen Informationsvorsprung besitzt, der nur schwer einzuholen ist. Die Berufung auf die öffentliche Gesundheit birgt aber die Gefahr, zu einem Paternalismus der Experten zu auszuarten. Eine Debatte darüber findet bisher allerdings nicht oder nur in Ansätzen statt.
Nachtrag (Dezember 2015): Das geplante Gesetz gegen zu dünne Models in Frankreich ist nun verabschiedet worden. Demnach benötigen Models eine medizinische Bescheinigung, dass sie nicht krankhaft dünn sind.
Montag, 12. Oktober 2015
Moralisierung des Konsums
In letzter Zeit haben Untersuchungen eine gewisse Konjunktur, die sich mit moralischem Konsum beschäftigen, d.h. entweder mit moralisch konnotierten Produkten (Jute-Tasche) oder mit der Fair Trade-Bewegung der letzten ca. 40 Jahre. Im Mai hatten die Gesellschaft für Technikgeschichte und das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam eine Tagung über "Moralische Produkte" veranstaltet (Tagungsbericht). Und in Kiel fand im September ein interdisziplinärer Workshop mit dem Titel "Alle Macht dem Verbraucher?" statt, in dem es ebenfalls um Konsumentenboykotts und die Fair Trade-Bewegung (neben anderen Themen) ging.
Dieses Interesse rührt sicherlich zum einen daher, dass die Zeitgeschichte der 70er und frühen 80er Jahre durch die Öffnung der Archive (nach Ablauf der allgemeinen 30-Jahres-Sperrfrist) in den Fokus gerückt ist. Zum anderen gibt es aber auch die weiter gehende These von der "Moralisierung der Märkte", vertreten von dem prominenten Soziologen Nico Stehr in dem gleichnamigen Buch von 2007. Stehr argumentiert darin, die Konsumenten würden durch zunehmenden Wohlstand und zunehmendes Wissen immer mächtiger und würden dadurch einen starken Druck auf die Produzenten ausüben, sich an moralische Standards zu halten. Das bedeutet nach Stehr zwar keinen Bruch mit dem Kapitalismus, wohl aber eine Kulturalisierung der Ökonomie im Sinne einer Kopplung von kulturellen Orientierungen und am Markt gehandelten Gütern.
Als Historiker gibt es genügend Gründe für Skepsis gegenüber solchen weit reichenden Thesen. Zwar ist die Zunahme von Wohlstand und Wissen in Westeuropa seit den 50er Jahren gut belegt, so dass es plausibel erscheinen mag, dass Konsumenten heute mehr denn je in der Lage sind, informierte Entscheidungen zu treffen und es sich leisten können, moralische Kriterien in Anschlag zu bringen. Dagegen spricht aber, dass es in der Konsumgeschichte (zumindest in der Neuzeit) keine Periode gab, in der der Konsum nicht in irgendeiner Form moralisch aufgeladen worden wäre. Die Konsumkritik ist im Prinzip so alt wie der Konsum selbst. Im 18. Jahrhundert war es die Kritik an "Luxus" und Mode, die moralisierend wirkten. Im 19. Jahrhundert versuchte die Konsumvereinsbewegung, der kapitalistischen Ökonomie eine moralisch bessere Alternative entgegen zu setzen. Um 1900 war die Kritik an den Warenhäusern sehr verbreitet, in den 50er Jahren geriet die Werbung in den Fokus der Kritiker (z.B. Vance Packard). Die Beispiele ließen sich vermehren.
Eines scheint allerdings bemerkenswert an den "Fair Trade"-Initiativen, nämlich dass hier die Vorstellung vom "gerechten" oder "fairen" Preis wieder aufersteht. Diese Vorstellung wurde lange Zeit mit der "moralischen Ökonomie" der Unterschichten (E.P. Thompson) um 1800 verbunden, die als Gegenmodell zur liberalen Ökonomie fungierte. In den Konsumentenprotesten um 1800, so Thompson, versuchten die Unterschichten einen ihnen gerecht erscheinenden Preis durchzusetzen, indem sie unter Androhung oder Ausübung von Gewalt Händler zwangen, ihre Waren billiger zu verkaufen. Spätestens um 1850, so die Erkenntnisse der Protestforschung, spielten aber diese Vorstellungen eigentlich keine Rolle mehr, und dass Preise auf Märkten durch Angebot und Nachfrage gebildet wurden, war allgemein akzeptiert (ausgenommen natürlich die sozialistischen Zentralverwaltungswirtschaften des 20. Jahrhunderts). Auch in der Zwangsbewirtschaftung des Ersten Weltkriegs sprach man weniger von einem "gerechten" als vielmehr von einem "angemessenen" Preis.
Dass seit den 1970er Jahren durch die Dependenztheorie die Lehre vom "gerechten Preis" ihre Wiederauferstehung feierte, ist schon bemerkenswert. Leider wird der nahe liegende Vergleich zur "moralischen Ökonomie" um 1800 von den meisten Autoren nicht gezogen. Der Unterschied besteht offensichtlich darin, dass in den Konsumentenprotesten um 1800 der "gerechte" Preis ein niedrigerer als der Marktpreis war, während sich die Anstrengungen der "Fair Trade"-Initiativen darauf richten, einen höheren als den Marktpreis durchzusetzen. Interessant wäre es, einmal der Frage nachzugehen, ob und in welcher Form sich Vorstellungen eines "gerechten Preises" auch in der Zwischenzeit (von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts) hielten.
Dieses Interesse rührt sicherlich zum einen daher, dass die Zeitgeschichte der 70er und frühen 80er Jahre durch die Öffnung der Archive (nach Ablauf der allgemeinen 30-Jahres-Sperrfrist) in den Fokus gerückt ist. Zum anderen gibt es aber auch die weiter gehende These von der "Moralisierung der Märkte", vertreten von dem prominenten Soziologen Nico Stehr in dem gleichnamigen Buch von 2007. Stehr argumentiert darin, die Konsumenten würden durch zunehmenden Wohlstand und zunehmendes Wissen immer mächtiger und würden dadurch einen starken Druck auf die Produzenten ausüben, sich an moralische Standards zu halten. Das bedeutet nach Stehr zwar keinen Bruch mit dem Kapitalismus, wohl aber eine Kulturalisierung der Ökonomie im Sinne einer Kopplung von kulturellen Orientierungen und am Markt gehandelten Gütern.
Als Historiker gibt es genügend Gründe für Skepsis gegenüber solchen weit reichenden Thesen. Zwar ist die Zunahme von Wohlstand und Wissen in Westeuropa seit den 50er Jahren gut belegt, so dass es plausibel erscheinen mag, dass Konsumenten heute mehr denn je in der Lage sind, informierte Entscheidungen zu treffen und es sich leisten können, moralische Kriterien in Anschlag zu bringen. Dagegen spricht aber, dass es in der Konsumgeschichte (zumindest in der Neuzeit) keine Periode gab, in der der Konsum nicht in irgendeiner Form moralisch aufgeladen worden wäre. Die Konsumkritik ist im Prinzip so alt wie der Konsum selbst. Im 18. Jahrhundert war es die Kritik an "Luxus" und Mode, die moralisierend wirkten. Im 19. Jahrhundert versuchte die Konsumvereinsbewegung, der kapitalistischen Ökonomie eine moralisch bessere Alternative entgegen zu setzen. Um 1900 war die Kritik an den Warenhäusern sehr verbreitet, in den 50er Jahren geriet die Werbung in den Fokus der Kritiker (z.B. Vance Packard). Die Beispiele ließen sich vermehren.
Eines scheint allerdings bemerkenswert an den "Fair Trade"-Initiativen, nämlich dass hier die Vorstellung vom "gerechten" oder "fairen" Preis wieder aufersteht. Diese Vorstellung wurde lange Zeit mit der "moralischen Ökonomie" der Unterschichten (E.P. Thompson) um 1800 verbunden, die als Gegenmodell zur liberalen Ökonomie fungierte. In den Konsumentenprotesten um 1800, so Thompson, versuchten die Unterschichten einen ihnen gerecht erscheinenden Preis durchzusetzen, indem sie unter Androhung oder Ausübung von Gewalt Händler zwangen, ihre Waren billiger zu verkaufen. Spätestens um 1850, so die Erkenntnisse der Protestforschung, spielten aber diese Vorstellungen eigentlich keine Rolle mehr, und dass Preise auf Märkten durch Angebot und Nachfrage gebildet wurden, war allgemein akzeptiert (ausgenommen natürlich die sozialistischen Zentralverwaltungswirtschaften des 20. Jahrhunderts). Auch in der Zwangsbewirtschaftung des Ersten Weltkriegs sprach man weniger von einem "gerechten" als vielmehr von einem "angemessenen" Preis.
Dass seit den 1970er Jahren durch die Dependenztheorie die Lehre vom "gerechten Preis" ihre Wiederauferstehung feierte, ist schon bemerkenswert. Leider wird der nahe liegende Vergleich zur "moralischen Ökonomie" um 1800 von den meisten Autoren nicht gezogen. Der Unterschied besteht offensichtlich darin, dass in den Konsumentenprotesten um 1800 der "gerechte" Preis ein niedrigerer als der Marktpreis war, während sich die Anstrengungen der "Fair Trade"-Initiativen darauf richten, einen höheren als den Marktpreis durchzusetzen. Interessant wäre es, einmal der Frage nachzugehen, ob und in welcher Form sich Vorstellungen eines "gerechten Preises" auch in der Zwischenzeit (von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts) hielten.
Donnerstag, 3. September 2015
Gesunde Ernährung
Gesunde Ernährung ist wieder aktuell im Fokus der Aufmerksamkeit, und das hat einen einfachen Grund: In den USA werden die Ernährungsrichtlinien (http://health.gov/dietaryguidelines/2015-scientific-report/pdfs/scientific-report-of-the-2015-dietary-guidelines-advisory-committee.pdf) überarbeitet. Sie erscheinen alle fünf Jahre, und die diesjährige Ausgabe ist in gewisser Weise revolutionär, denn sie lässt stillschweigend frühere Empfehlungen fallen, die lange als wegweisend galten. Zum Beispiel wird es keine Empfehlung mehr hinsichtlich des u.a. in Eiern vorkommenden Cholesterins mehr geben. Auch soll keine Obergrenze für den Konsum von Fett im allgemeinen mehr angegeben werden (http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=2338262). Die Bedeutung von Salz, das gleichfalls für Bluthochdruck und damit zusammenhängende Krankheiten verantwortlich gemacht wird, ist ebenfalls umstritten (http://www.washingtonpost.com/news/wonkblog/wp/2015/04/06/more-scientists-doubt-salt-is-as-bad-for-you-as-the-government-says/). Allerdings empfehlen die Richtlinien weiterhin, weniger Fleisch und Zucker zu sich zu nehmen, mehr Obst und Gemüse, und weniger gesättigte Fettsäuren. Die Empfehlungen haben in den USA hohe Wellen geschlagen, so dass mittlerweile auch methodische Fragen über das Zustandekommen der Richtlinien diskutiert werden.
Die Rücknahme von Empfehlungen, die teilweise seit Jahrzehnten propagiert wurden, wirft kein gutes Licht auf die Ernährungswissenschaft. Sicher, Wissenschaft lebt davon, dass Irrtümer korrigiert werden, aber offenbar standen viele frühere Empfehlungen auf recht dünner empirischer Grundlage. Es bleibt zu hoffen, dass sich das ändert. Das Problem besteht, anders als Detlef Briesen in seinem ansonsten lesenswerten Buch über "Das gesunde Leben" (Frankfurt 2010, S. 11f.) behauptet, nicht darin, dass Wissen und Handeln auseinander klaffen, sondern es ist eben auch ein genuines Problem der Verlässlichkeit von Expertenwissen. Aus (konsum)historischer Sicht ist zu fragen, ob es sich dabei um ein modernes Phänomen der "Wissensgesellschaft" handelt, die eben durch die ständige Produktion von Wissen auch Unsicherheit mitproduziert, da unter Experten häufig in wichtigen Fragen kein Konsens herrscht. So könnte es scheinen, doch ist die Diskussion über positive und negative Folgen von Nahrungs- und Genussmitteln ist doch schon sehr viel älter. In gewisser Weise erinnert die Diskussion an den Streit der medizinischen Experten des 17. und 18. Jahrhunderts über die neuen Genussmittel Kaffee, Tee, Tabak und Schokolade. Auch hier gab es Verfechter ihrer Wirksamkeit gegen bestimmte Leiden als auch Warnungen vor ihren gesundheitsschädlichen Wirkungen (etwa dass häufiges Rauchen das Hirn einräuchere und austrockne, oder dass Kaffee Impotenz, Hämorrhoiden und hysterische Nervenzustände verursache). Der Schriftsteller Georg Carl Claudius konstatierte 1784 nüchtern, dass die Ansichten über Nützlichkeit oder Schädlichkeit des Kaffeekonsums sich einander widersprächen ("Über seinen Nutzen sowohl als über seine Schädlichkeit sind die Aerzte nicht übereinstimmend", Leipziger Taschenbuch für Frauenzimmer 1784, S. 131). Ganz ähnlich klang ein Artikel in der "Washington Post" von 1984, der (am Beispiel von Fischöl) beklagte, es sei eine Schande, dass wir Konsumenten immer gerade dazu gedrängt werden, etwas in großen Mengen zu essen, das wir uns gerade unter großen Leiden abgewöhnt hatten (Washington Post 1984).
Die Schlussfolgerung daraus kann aber nicht sein, dass wissenschaftliche Empfehlungen generell sinnlos sind und daher ignoriert werden können. Damit würde man es sich zu einfach machen. In Zukunft sollten sich aber Ernährungsempfehlungen insofern an der antiken Diätetik orientieren, als sie nicht allein auf die Aufnahme bestimmter Stoffe (Zucker, Salz, Fett etc.) abstellen, sondern zum einen die gesamte Lebensweise in den Blick nehmen und zum anderen nach Personengruppen differenzieren. Was für den einen schädlich ist, kann für den anderen gesund sein. Die antike Diätetik verwendet hierfür den Begriff des "rechten Maßes", das aber individuell durchaus unterschiedlich sein konnte. Zur Diätetik gehörten neben Essen und Trinken auch Licht und Luft, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Stoffwechsel und Gemütsbewegungen.
Die Rücknahme von Empfehlungen, die teilweise seit Jahrzehnten propagiert wurden, wirft kein gutes Licht auf die Ernährungswissenschaft. Sicher, Wissenschaft lebt davon, dass Irrtümer korrigiert werden, aber offenbar standen viele frühere Empfehlungen auf recht dünner empirischer Grundlage. Es bleibt zu hoffen, dass sich das ändert. Das Problem besteht, anders als Detlef Briesen in seinem ansonsten lesenswerten Buch über "Das gesunde Leben" (Frankfurt 2010, S. 11f.) behauptet, nicht darin, dass Wissen und Handeln auseinander klaffen, sondern es ist eben auch ein genuines Problem der Verlässlichkeit von Expertenwissen. Aus (konsum)historischer Sicht ist zu fragen, ob es sich dabei um ein modernes Phänomen der "Wissensgesellschaft" handelt, die eben durch die ständige Produktion von Wissen auch Unsicherheit mitproduziert, da unter Experten häufig in wichtigen Fragen kein Konsens herrscht. So könnte es scheinen, doch ist die Diskussion über positive und negative Folgen von Nahrungs- und Genussmitteln ist doch schon sehr viel älter. In gewisser Weise erinnert die Diskussion an den Streit der medizinischen Experten des 17. und 18. Jahrhunderts über die neuen Genussmittel Kaffee, Tee, Tabak und Schokolade. Auch hier gab es Verfechter ihrer Wirksamkeit gegen bestimmte Leiden als auch Warnungen vor ihren gesundheitsschädlichen Wirkungen (etwa dass häufiges Rauchen das Hirn einräuchere und austrockne, oder dass Kaffee Impotenz, Hämorrhoiden und hysterische Nervenzustände verursache). Der Schriftsteller Georg Carl Claudius konstatierte 1784 nüchtern, dass die Ansichten über Nützlichkeit oder Schädlichkeit des Kaffeekonsums sich einander widersprächen ("Über seinen Nutzen sowohl als über seine Schädlichkeit sind die Aerzte nicht übereinstimmend", Leipziger Taschenbuch für Frauenzimmer 1784, S. 131). Ganz ähnlich klang ein Artikel in der "Washington Post" von 1984, der (am Beispiel von Fischöl) beklagte, es sei eine Schande, dass wir Konsumenten immer gerade dazu gedrängt werden, etwas in großen Mengen zu essen, das wir uns gerade unter großen Leiden abgewöhnt hatten (Washington Post 1984).
Die Schlussfolgerung daraus kann aber nicht sein, dass wissenschaftliche Empfehlungen generell sinnlos sind und daher ignoriert werden können. Damit würde man es sich zu einfach machen. In Zukunft sollten sich aber Ernährungsempfehlungen insofern an der antiken Diätetik orientieren, als sie nicht allein auf die Aufnahme bestimmter Stoffe (Zucker, Salz, Fett etc.) abstellen, sondern zum einen die gesamte Lebensweise in den Blick nehmen und zum anderen nach Personengruppen differenzieren. Was für den einen schädlich ist, kann für den anderen gesund sein. Die antike Diätetik verwendet hierfür den Begriff des "rechten Maßes", das aber individuell durchaus unterschiedlich sein konnte. Zur Diätetik gehörten neben Essen und Trinken auch Licht und Luft, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Stoffwechsel und Gemütsbewegungen.
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